Klein-ORPLID e.V.

Lebensgemeinschaft der Generationen und Menschen mit besonderen Schicksalen

Persönliche Berichte 2013

Die folgenden Berichte sind im Sommer 2013 entstanden für eine kleine „Zeitung“, die wir am „Tag der offenen Tür“ für besonders interessierte Menschen ausgelegt hatten:

 

Johannes Speer

Wie kann man heute dazu kommen, in einer Lebensgemeinschaft leben zu wollen? Viele streben heute doch danach, allein zu leben. Jeder Mensch, so vielleicht auch ich, entscheidet sich gewollt oder ungewollt für eine Lebensform. Leben kann sich so verschieden ausgestalten wie nichts auf der Welt. Leben heißt für mich zuallererst Freude am Miteinander: in der Arbeit, im künstlerischen Betätigen und auch in der Pflege geistiger Bestrebungen. Das Miteinander mit Menschen verschiedenster Art und die Rückzugsmöglichkeit in mein Zimmer zur Pflege neuer Impulse machen für mich das Leben aus.
Gemeinschaft gelingt ebenso wie die Ehe nur, wenn sie von Idealen getragen und durchdrungen wird. Das Scheitern an ihnen ist kein Problem, wenn ich mir klar mache, dass nicht die anderen Schuld sind, sondern ich etwas daraus lernen kann.
Ich habe keine Schuld, ich bin etwas schuldig geblieben, was ich ausgleichen kann, vielleicht nicht gleich alles, aber nach und nach. So kann meine Arbeit - z.B. Holz abladen - von der Idee beseelt sein, möglichst schnell fertig sein zu wollen. Oder sie kann ein freudiges Miteinander, im Gespräch, in der Geste, im Zupacken offenbaren. Ich erlebe dann Zufriedenheit, Effektivität, soziales Miteinander (im Gegensatz zum Einzelkämpferdasein).
Diese Erfahrungen können wir auf allen Gebieten machen - z.B. im künstlerischen Tun: bei der Sprachgestaltung, beim Malen und besonders in der Eurythmie. Auch das religiöse Ringen allein und mit anderen gibt mir Kraft und Vertrauen, an etwas mitbauen zu können.
So war vor der Begründung unserer Gemeinschaft folgende Weisheit richtungsweisend für mich:
Die beste Medizin für den Menschen ist der Mensch,
der höchste Grund der Arzenei aber ist die Liebe.
                                               Paracelsus

 

Jacqueline

In einer Gemeinschaft zu leben ist eine Wahl, die seltsam erscheinen mag, unzeitgemäß, verglichen mit dem modernen Lebensstil und moderner Mentalität.
Überall in der Welt regiert der Individualismus. Das „moderne“ Leben hat die Solidarität und die Liebe zwischen den Menschen zerstört, aber auch das spirituelle Leben.  Klein-Orplid, direkt am Wald gelegen, im Herzen einer Gemeinschaft, gibt einem die Erfahrung eines Gemeinschaftslebens mit gemeinsamen Aufgaben. Das Singen, die Musik oder auch die Eurythmie haben es mir ermöglicht, auf den Anderen zuzugehen. Sie helfen mir, toleranter, verständnisvoller zu werden und Geduld zu üben.
Durch dieses Leben muss ich mich öfters in Frage stellen, manchmal auch über meinen Schatten springen, nicht mehr nur für mich selbst zu leben. Das Leben mit anderen ermöglicht es auch, sich selbst besser kennen zu lernen und sich auf dieser Weise Ziele und Ideale zu setzen.
Natürlich bringt das Gemeinschaftsleben auch andere, manchmal schwierige Aspekte mit sich und auch Augenblicke des Zweifels. Aber mit eine Portion Durchhaltekraft, Zuversicht, Vertrauen und neuen Ideen trägt jedes Mitglied der Gemeinschaft sein Steinchen dazu bei, dass unser Gebäude immer stabiler wird. Lösungen können während kritischer Situationen von allen Seiten kommen. Und so kann das Leben in einer Gemeinschaft wieder zu einem echten Schatz werden für die Menschen und dank derselben Menschen.
 

Nadine

Victor: Wie bist du hier her gekommen?
Nadine: Als ich in der Karl-Schubert-Schule war beim Herr Mußler, da habe ich Herrn Speer kennengelernt. Nach der Schule wollten wir eine Einrichtung für mich suchen und wir sind dann zu ihm gegangen, zuerst in Göppingen und seit 11 Jahren hier in Klein-Orplid.
Wie gefällt es dir hier?
Es gefällt mir, hier zu wohnen. Schöne Leute. Manchmal liest mir auch Beate etwas vor und ich tue Papier knüllen für unsere Heizung. Sonst decke ich immer den Tisch, spüle oder knacke die gesammelten Nüsse. Manchmal geht es hier laut zu, das mag ich nicht so, dann ziehe ich mich zurück.
Wir machen auch viele Ausflüge, zum Ebnisee, in die Wilhelma oder zu Konzerten.
Was wünschst du dir?
Ich wünsche mir noch einen Nachbar für das leere Zimmer neben mir. Über mein neu gekacheltes Bad freue ich mich sehr.
Das Essen schmeckt mir ganz gut, außer wenn es zu oft Suppe gibt.
 

Victor

Warum bist du hier?
Ein treuer Freund hat bemerkt, dass mein Leben abzudriften drohte in eine ungesunde Isolierung. Da wir weltanschaulich ähnlich gestrickt sind, hat er mir diese anthroposophisch geprägte Wohngemeinschaft empfohlen. Hier kann ich mich in einer entspannten, ländlichen Umgebung mehr um meine charakterlichen Schwächen kümmern,  jetzt, wo die Kinder  aus dem Haus sind. Ich kann mich der aufbauenden Kritik der Mitbewohner aussetzen, um gestärkt meinen letzten Lebensabschnitt anzutreten.
Was gefällt dir hier?
Die ruhige Umgebung und die geregelte Struktur des Tages, der Woche, des Jahres.
Was fällt dir schwer?
Als eingefleischter „Steppenwolf“ kann ich mich schwer von meinen eigenen Gewohnheiten trennen. Und mit anderen immer einvernehmlich zu leben, wenn sie z.B. politisch eine ganz andere Meinung haben, ist auch nicht leicht.
Dennoch: Als Übungsfeld, um eigene Schwächen auszubügeln, sind alle Bewohner eine Bereicherung.
 

Piotr

Ich bin Piotr. Mit Muße bin ich hier angekommen, hatte Hochgefühle. So hat es auch gestimmt. Ruhe hat es hier gegenüber Zwiefalten, wo ich vorher war. Wesentlich mehr Freiheit. Natürlich habe ich mich wieder im Griff. Kochen muss ich nicht. Werken gibt’s nicht. Im Wald arbeiten hat’s. Kultur ist hier gut. Noch mehr? Zuwenig Intellekt ist hier schon. Das müssen meine Bücher garantieren. Sommerloch!
 

Roland

„Sie sind doch der Gärtner von Klein-Orplid?“ So wurde ich einmal von Frau Güldenring, der Heimleiterin von Haus Hohenstein in Murrhardt, angesprochen. Meine Antwort war: „Ja, unter anderem“.
Ich bin natürlich nicht der Gärtner von Klein-Orplid, pflege aber ein Stück Land von ca. 20 a, auf dem hauptsächlich Gemüse und Beeren reifen für unsere Gemeinschaft. Dabei ist mir die Pflege mit den biologisch-dynamischen Präparaten ein Anliegen. Diese werden auf dem ganzen Gelände von ca. 1 ha angewendet.
Natürlich gibt es noch viele andere Aufgaben: Holz herbeischaffen  (ca. 60 m³), kochen, putzen usw.
In dem Gebet „Die Kunst der kleinen Schritte“ von Antoine de St. Exupéry heißt es unter anderem…Ich bitte um Kraft und Zucht und Maß, dass ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf vernünftig einteile, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte und wenigstens hin und wieder Zeit finde für einen kulturellen Genuss.
Das versuche ich mir zu Herzen zu nehmen.
 

Jörg

Neben der anfallenden praktischen Arbeit (Hauswirtschaft, Garten mit Gemüse und Obst, Holz für die Zentralheizung) ist unser Leben hier in Klein-Orplid auch wesentlich geprägt von regelmäßig stattfindenden künstlerischen Tätigkeiten bzw. Kursen, für die jeweils eine Person von außerhalb zu uns kommt. So haben wir einmal in der Woche Eurythmie (Bewegungskunst) und alle zwei Wochen Sprachgestaltung sowie Malen mit Pastellkreiden. Thema beim Malen waren lange Zeit Stellen aus dem Evangelium, wobei man auch einfach so frei malen darf. Die ausgestellten Bilder schmücken dann bis zum nächsten Malen farbenfroh den Raum.
Besondere Höhepunkte sind die Abende, an denen eine Pfarrerin (Frau Hausen) oder ein Pfarrer (Herr Schlooss) der Christengemeinschaft zu uns kommt und wir alle zwei Wochen religiöse und geistige Fragen erörtern oder einmal im Monat an Rudolf Steiners Buch „Theosophie“ arbeiten, während wir uns in der Zwischenzeit einmal alleine damit befassen.
Diese verschiedenen Elemente (neben der praktischen Arbeit auch das Künstlerische und das Geistige) gehören auch sonst an verschiedenen Stellen zu unserem Alltag, durchdringen und beleben ihn. So beginnt zum Beispiel unsere tägliche Morgenbesprechung zuerst mit einem Spruch und einem der jeweiligen Jahres- und Festeszeit entsprechenden gemeinsamen Lied, bevor es dann im Wesentlichen um Organisatorisches geht. Ich persönlich bin darüber sehr froh.